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Heimische Milchbauern und Rindfleischerzeuger in Sorge

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Wilhelm Brüggemeier, Hubertus Beringmeier und Felix Pahlsmeier.

© Foto: WLV

Warburg (wrs) - Die Corona-Pandemie bringt die Milch- und Rindfleischmärkte durcheinander. Milchbauern und Rindfleischerzeuger sind in Sorge. Wie wirkt sich die derzeitige Lage für die heimischen Bauern aus? Was kann getan werden? In einem Pressegespräch auf dem Hof der Familie Tillmann-Feldmann in Warburg-Bonenburg gab der Landwirtschaftliche Bezirksverband Ostwestfalen-Lippe (OWL) einen Überblick unter Beachtung aller Hygieneregeln und mit großem Abstand.

Die Corona-Krise bringt auch den Milchmarkt durcheinander. Die Pandemie hat die private Nachfrage deutlich nach oben getrieben. Im Gegenzug ist die Nachfrage der Großverbraucher wie Kantinen und Gastronomie fast zum Erliegen gekommen. Die Umstellung von Großgebinde auf kleinere Verpackungseinheiten sowie mangelnder Export bringen Probleme. Der Export ist derzeit in bestimmten Sparten schwer zu kalkulieren.

Während der Großteil der deutschen Molkereien ihre Erzeugerpreise weiterhin stabil halten, befürchten Landwirte, bald mögliche Folgen von Absatzproblemen der Molkereien tragen zu müssen. „Wir sehen hier zurzeit sehr viel psychologische Einflüsse auf den Milchmarkt“, so der Bauernpräsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV) und Bezirksverbandsvorsitzende Hubertus Beringmeier. Er verweist auf die Fakten: 83 Millionen Verbraucher in Deutschland würden jeden Tag essen. Der Rückgang des Außer-Haus-Absatzes verschiebe sich in den Lebensmitteleinzelhandel, welcher derzeit Rekordmengen an Milchprodukten abrufe. Der Nahrungsmittelkonsum finde auf stabilem Niveau statt, nun aber zu Hause. „Wann hat es das gegeben?“, fragt Wilhelm Brüggemeier WLV-Vize-Milchpräsident und Milchviehhalter aus Enger (Kreis Herford). Die Nachfrage nach Lebensmitteln sei infolge des Corona-Geschehens nicht grundsätzlich eingebrochen, schildert. Brüggemeier: „Vieles wird jetzt auch davon abhängen, wie schnell die Exporte nach China wieder anlaufen.“

Bei den Milchverarbeitern gibt es ein unterschiedliches Bild. Für einige ist die Lage sehr schwierig, weil ihre bewährten Absatzkanäle wie in Richtung Italien eingebrochen sind. Andere Molkereien kommen kaum noch nach, da sie Supermärkte beliefern, in denen die Kunden verstärkt Milchprodukte nachfragen. Brüggemeier verweist hier ganz deutlich auf die Verantwortung der Molkereien, sich ihrer Möglichkeiten zu bedienen, auf die Absatzverschiebung zu reagieren. Unternehmen, die den Großverbraucherbereich beliefern, müssten nun ihre Warenströme entsprechend umleiten oder Rohmilch, die sie nicht verarbeiten können, an andere Molkereien verkaufen. „Die Molkereien müssen jetzt flexibel auf die Verschiebungen im Milchmarkt reagieren“, so der Milchviehhalter aus Enger. Eine erneute allgemeine Diskussion um staatlich verordnete Milchmengenreduktion sehe er als wenig hilfreich. Diese sei bei offenen Märkten wirkungslos, da nur die Wettbewerber wie Irland, Polen, USA oder Neuseeland davon profitieren würden. „Außerdem werden dadurch noch relativ gut laufende Marktsegmente beeinträchtigt“, bemerkt Brüggemeier.

Antonius Tillmann, stellvertretender Bezirksverbandsvorsitzender und Kreisverbandsvorsitzender Höxter fordert hier: „Keinesfalls darf der Druck im Großverbraucher- und Exportgeschäft an uns Bauern durchgereicht werden.“ Der Berufsstand appelliert an betroffene Molkereien, die staatliche Unterstützung für durch Corona betroffene Betriebe in Anspruch zu nehmen.

Weiter ging Milch-Vize Brüggemeier auf die Beihilfe zur Privaten Lagerhaltung (PLH) von Magermilchpulver, Butter und Käse ein. Nach anfänglichem Zögern der EU-Agrarkommission solle diese nun kommen. „Sie ist aus unserer Sicht wichtig, wenn auch bekannterweise ein zweischneidiges Schwert“, beurteilt Brüggemeier. „Auf der Angebotsseite steht zwar mit dem Mai noch der saisonal anlieferungsstärkste Monat bevor, aufgrund der anhaltend trockenen Witterung ist jedoch kein unüblich starkes Wachstum zu erwarten.“

Ein zartes Steak mit Kräuterbutter, ein saftiger Hamburger oder frischer Spargel mit Wiener Schnitzel – diese Gerichte sind in der Gastronomie beliebt und werden zurzeit nicht angeboten. „Bereits spürbare Auswirkungen für unsere rund 1.500 Rinderhalter in OWL hat der Corona-bedingte Wegfall des Außer-Haus-Verzehrs“, schildert Bauernpräsident Beringmeier. Das Ostergeschäfr fehlte, ebenso werden die Pfingst- und Spargelsaison wegfallen. Die Rindfleisch-Nachfrage ist deutlich zurückgegangen, der Rindfleischpreis stark eingebrochen und der Rindermarkt weiterhin von Unsicherheit geprägt. „Wir legen bei jedem Bullen Geld dazu“, sagt Felix Pahlsmeier, Bullenmäster aus Delbrück.

Präsident Beringmeier erläutert, dass das Angebot über alle Kategorien gegenüber den Vorwochen hinweg kleiner ausfalle. „Die Mengen sind keineswegs zu groß.“ Gleichzeitig scheine das Interesse von Seiten der Schlachtbetriebe zumindest leicht zuzunehmen. Dennoch herrsche eine gewisse Verunsicherung „Wir würden uns freuen, wenn die Menschen gerade jetzt mehr heimisches Rindfleisch essen“, wünscht sich Pahlsmeier. „Legen sie mal öfters ein schönes Steak auf den Grill oder in die Pfanne.“ Darum macht sich der Berufsverband auch für das Zurückfahren von Rindfleischimporten stark. Hubertus Beringmeier sieht außerdem die bezuschusste private Lagerhaltung der EU von Kalbfleisch als richtig an. „In dieser noch nie dagewesenen Ausnahmesituation ist es das Instrument der Wahl, um schnell und punktgenau Stabilität an den Agrarmärkten zu gewinnen“, erklärt Beringmeier.

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